Ratgeber


Auch ohne Hormone sicher verhüten

Auch ohne Hormone sicher verhüten

Keine Lust auf die Pille?
Jahrzehntelang war die „Pille“ die am häufigsten verwendete Verhütungsmethode. Das hat sich geändert: Immer mehr Frauen sehen die dauerhafte Hormoneinnahme kritisch, und viele Männer wollen mehr Verantwortung tragen. Doch welche Alternativen gibt es? Lesen Sie, welche nicht-hormonellen Methoden es zur Empfängnisverhütung gibt, wie sie angewendet werden und – vor allem – wie sicher sie sind.
  • Sicherheit der Methoden schwankt erheblich

    Korrekt eingenommen ist die Antibabypille ein besonders zuverlässiges Verhütungsmittel. Doch die Kehrseite der hormonellen Verhütung ist bekannt. Egal welche Variante, es drohen unerwünschte Wirkungen wie Gewichtszunahme, Thrombosen, Depressionen und Libidoverlust. Ganz zu schweigen von der sinkenden Bereitschaft vieler Frauen, sich täglich Hormone zuzuführen. Deshalb nimmt die Nutzung der Pille seit Jahren ab.

    Als Alternativen stehen zahlreiche nicht-hormonelle Verhütungsmethoden zur Verfügung. Sie unterscheiden sich im Aufwand, der Art der Anwendung sowie in der Sicherheit. Gemessen wird die Zuverlässigkeit einer Verhütungsmethode häufig mithilfe des Pearl-Index . Er gibt die Anzahl der Schwangerschaften an, die pro 100 Frauen innerhalb eines Jahres trotz Anwendung der Methode schwanger werden. Ein niedriger Pearl-Index deutet auf eine hohe Zuverlässigkeit hin.

    Den Pearl-Index gibt es in zwei Varianten. Der Pearl-Index der Methodensicherheit zeigt, wie zuverlässig die Verhütungsmethode beim perfekten, fehlerfreien Gebrauch ist. Beim typischen Gebrauch kommt es häufiger zu Schwangerschaften, der Pearl-Index der Gebrauchssicherheit liegt deshalb höher. Da dieser Index die Realität besser widerspiegelt, wird er meist bei der Angabe zur Zuverlässigkeit von Kontrazeptiva verwendet. Die in Deutschland häufig genutzten nicht-hormonellen Verhütungsmethoden haben in etwa folgende Pearl-Indizes (Gebrauchssicherheit/ Methodensicherheit):

    • Keine Verhütung: 85/85
    • Natürliche Familienplanung, symptothermale Methode:1,8/0,4
    • Laktationsamenorrhö: 1,5/1,25
    • Koitus interruptus: 18/4
    • Kondom: 12/2
    • Frauenkondom: 25/5
    • Diaphragma: 12-18/4-14
    • Kupferspirale:0,3-0,8/ keine Angabe
    • Sterilisation Frau:0,2-0,3
    • Sterilisation Mann:0,1

    Als sehr zuverlässig gelten Methoden mit einem Pearl-Index unter 1, d.h. mit weniger als einer Schwangerschaft pro 100 Frauen im Jahr. Methoden mit Werten zwischen 1 und 9 gelten als zuverlässig, Methoden mit einem höheren Pearl-Index als unzuverlässig.

    Hinweis: Neben der sicheren Verhütung spielt bei der Wahl der Methode ein weiterer Aspekt eine Rolle: Der Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie z. B. Gonorrhö oder HIV. Das kann nur das Kondom zuverlässig.

    Natürliche Familienplanung: besser als ihr Ruf

    Die natürliche Familienplanung beruht darauf, dass die Frau durch intensive Selbstbeobachtung ihre fruchtbaren Tage erkennt. Will die Frau nicht schwanger werden, muss sie in dieser Zeit auf Sex verzichten oder zusätzlich verhüten. Als zuverlässig gilt die symptothermale Methode. Dabei lassen sich die fruchtbaren Tage anhand von zwei Parametern erkennen:

    • Basaltemperatur. Die morgendliche Aufwachtemperatur misst man täglich rektal, vaginal oder oral. Durch das tägliche Messen wird klar, was die individuelle Normaltemperatur ist. Ein Anstiecg der Temperatur ist dann ein Hinweis für den bevorstehenden Eisprung und damit auf den Beginn der fruchtbaren Phase.
    • Zervixschleim. Der aus der Scheide entnommene Zervixschleim ändert sich im Zyklus in seiner Konsistenz. In der unfruchtbaren Phase ist er eher trocken und klebrig, in der fruchtbaren dehnbar („spinnbar“) und durchsichtig.

    Mithilfe der gewonnen Ergebnisse lässt sich das fruchtbare Fenster gut bestimmen. Zur symptothermalen Methoden zählt z. B. auch die von der Malteser Arbeitsgruppe NFP entwickelte Familienplanungsmethode SensiplanR. Wird die Sensiplan-Methode bei ausgebildeten Berater*innen erlernt, ist ihre Sicherheit sehr gut (Pearl-Index Gebrauchssicherheit 1,8). Für Frauen, die deren Anwendung autodidaktisch lernen, gibt es bisher keine Daten.

    Nicht sicher sind Methoden, die sich nur auf eines der genannten Zeichen verlassen oder sogar nur die durchschnittliche Zykluslänge nutzen, um rein rechnerisch die fruchtbaren Tage zu ermitteln. Die Methode verliert an Zuverlässigkeit, wenn Frauen Medikamente einnehmen, die zu Zyklusschwankungen führen. Dazu gehören z.B. Neuroleptika und Psychopharmaka. Auch wenn Frauen einen sehr unregelmäßigen Alltag haben, zum Beispiel bei Schichtarbeit oder häufigen Reisen in andere Zeitzonen, ist die Sicherheit der Methode eingeschränkt.

    Aktuell werden für die Natürliche Familienplanung auch immer mehr Zyklus-Apps beworben. Zur Dokumentation bei symptothermalen Methoden schätzen Expert*innen dies als sinnvoll ein. Abgeraten wird jedoch von Apps, die das fruchtbare Fenster mithilfe von Hormontests in Urin und Speichel, nächtlicher Pulsrate und der durch Armbänder oder Ringe gemessenen Temperatur erkennen wollen. Diese Anwendungen haben in Studien bisher nicht nachweisen können, dass sie zuverlässig sind. Das gilt auch für sogenannte Prognose-Apps, die allein aufgrund der Basaltemperatur die Empfängnisbereitschaft vorhersagen wollen.

    Hinweis: Von den zur Verfügung stehenden Methoden zur Natürlichen Familienplanung empfehlen Expert*innen vor allem die symptothermale Methode. Zu ihrer sicheren Anwendung sollten Frauen jedoch von entprechenden Berater*innen geschult werden.

    Koitus interruptus – der Rückzieher

    Der Koitus interruptus ist wahrscheinlich die älteste Verhütungsmethode überhaupt. Sie beruht darauf, dass der Mann vor dem Samenerguss seinen Penis aus der Scheide zurückzieht und auf diese Weise keine Spermien in die Gebärmutter hineingelangen.

    Die Sicherheit der Methode ist sehr gering. Der Verhütungsschutz hängt davon ab, dass der Mann den Zeitpunkt zum Zurückziehen des Penis erkennt und die erforderliche Selbstkontrolle aufbringt, dies auch zu tun. Die Daten zeigen, dass dies sehr häufig nicht gelingt. Der Pearl-Index für die Gebrauchssicherheit liegt bei etwa 20. Wird der Koitus interruptus perfekt beherrscht, schätzt man den Pearl Index auf 4.

    Verhütung durch Stillen

    Beim Stillen führt das Saugen des Babys an der Brust dazu, dass das Gehirn die Ausschüttung eines bestimmten Botenstoffs (Gonadotropin-Freisetzungs-Faktor) verringert. In der Folge wird die Aktivität der Eierstöcke gebremst und der Eisprung unterbleibt. Deshalb kommt es nicht zur Monatsblutung, weshalb dieser Zeitraum auch Laktationsamenorrhö heißt.

    Für einen sicheren Empfängnisschutz (der Pearl-Index für die Gebrauchssicherheit liegt zwischen 0,9 bis 1,2) müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

    • Die Frau befindet sich in den ersten sechs Monaten nach Geburt.
    • Es besteht eine Amenorrhö, also keine Blutung.
    • Die Frau stillt voll (keinerlei Zufüttern!), mit Stillpausen von maximal 6 Stunden nachts und 4 Stunden tagsüber.

    Barrieremethoden: Das Männerkondom

    Barrieremethoden zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Zusammentreffen von Eizelle und Spermien verhindern. Vor allem handelt es sich dabei um Kondome, und Diaphragma sowie Frauenkondome. Die von Frauen verwendeten Barrieremethode konnen mit spermiziden Gels kombiniert werden. Die alleinige Anwendung von spermiziden Gels, Zäpfchen oder Schwämmen in der Scheide wird von Expert*innen nicht zur Empfängnisverhütung empfohlen.

    Kondome sind für Männer die einzige Verhütungsmethode, die reversibel ist - also einfach auch wieder „abgesetzt“ werden kann, wenn Kinderwunsch besteht. Praktischerweise schützen Kondome gleichzeitig auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten.. Kondome sind aus Latex oder Polyurethan und in verschiedenen Größen erhältlich. Ihre Anwendung sollte geübt werden, Beratungsangebote gibt es bei pro familia und online (familienplanung.de, profamilia.de). Damit Kondome effektiv sind, muss einiges beachtet werden:

    • Die richtige Größe nehmen. Hilfe für die Auswahl findet sich im Internet (https://www.profamilia.de/fileadmin/publikationen/Jugendliche/man_nehme_ein_kondom_2010.pdf).
    • Beim Aufreißen der Kondomverpackung aufpassen, dass das Kondom nicht durch Fingernägel, Zähne, Piercings etc. beschädigt wird.
    • Das Kondom über den steifen Penis streifen und komplett abrollen. Vorher die Luft in der Spitze mit den Fingern rausdrücken, damit dort Platz für das Sperma ist.
    • Kein Gleitgel auf den Penis oder in das Kondom schmieren! Das fördert die Gefahr, dass das Kondom wieder abrutscht.
    • Bei trockener Vagina hilft ein Gleitgel außen auf dem Kondom. Es erleichtert der Frau das Eindringen des Penis und schützt das Kondom vorm Reißen. Das Gleitgel sollte auf Wasser- oder Silikonbasis sein. Fettlösliche Gleitgele schädigen die Latexhülle.
    • Nach dem Samenerguss das Kondom beim Herausziehen des Penis festhalten, damit es nicht abrutscht und Sperma in die Scheide gelangt.

    Ein Nachteil der Kondome ist, dass sie häufig als Lusttöter gelten. Die Unterbrechung des Liebesakts zum Überstreifen des Gummis wird als störend und beschämend empfunden. Mit etwas Übung lässt sich aber auch ein Kondom spielerisch in den Akt integrieren.

    Hinweis: Die Sicherheit von Kondomen hängt ganz entscheidend von der Nutzung ab. Ist diese „perfekt“, liegt der Pearl-Index bei 2. Im alltäglichen Gebrauch mit möglichen Anwendungsfehlern steigt der Pearl-Index auf 12, in manchen Untersuchungen auch höher.

    Diaphragma: Latexgrenze vor der Gebärmutter

    Beim Diaphragma handelt es sich um eine Barrieremethode, die die Frau anwendet. Sie verhindern eine Schwangerschaft, indem sie den Spermien den Zugang durch den Gebärmutterhals verwehren. Das Diaphragma ist eine Art Kappe aus Silikon oder Latex und wird vor dem Geschlechtsverkehr durch die Scheide bis an den Gebärmutterhals geschoben und dort platziert. Es indet Halt zwischen dem hinteren Scheidengewölbe und der retropubischen Nische.

    Vor dem Einsetzen sollte das Diaphragma mit einem spermientötenden Verhütungsgel bestrichen werden. Empfohlen werden Gele auf Milchsäurebasis. Diese sind nicht nur verträglicher als die üblicherweise verwendeten Nonoxynol-9-haltigen Produkte. Nonoxyl-9 schädigt die Scheidenschleimhaut und führt dazu, dass sich Frauen leichter mit HIV anstecken.

    Entfernt werden sollte ein Diaphragma frühestens sechs Stunden nach dem Geschlechtsverkehr – in diesem Zeitraum sind die evtl. in der Scheide zurückgebliebene Spermien in der Regel abgestorben. Um Reizungen und Infektionen zu vermeiden, darf ein Diaphragma aber nicht länger als 24 bis 30 Stunden, in der Scheide verbleiben. Die Haltbarkeit der Plastikkappen wird je nach Produkt und Anwendungshäufigkeit mit 1 bis 2 Jahren beschrieben.

    Auch wenn das Diaphragma frei verkäuflich ist, wird eine Anpassung und Anleitung durch die Frauenärzt*in oder eine geschulte Fachkaft empfohlen. Zu beachten ist, dass diese Barrieremethode nicht für alle Frauen geeignet ist. So sollte man nach einer Geburt, einem späten Schwangerschaftsabbruch oder einer Fehlgeburt mehrere Wochen damit warten, zudem sollte die Größe überprüft werden. Manche anatomischen Besonderheiten wie eine schwache Beckenbodenmuskulatur oder ein Gebärmuttervorfall können den korrekten Sitz beeinträchtigen.

    Die Zuverlässigkeit des Diaphragmahängt davon ab, ob es korrekt und gemeinsam mit einer spermiziden Creme benutzt wird. Der Pearl-Index liegt auch bei perfektem Gebrauch zwischen 4 und 14. Frauen, die diese Barrieremethoden verwenden, sollten über die Notfallkontrazeption informiert sein.

    Hinweis: Das Diaphragma schützt nicht vor sexuell übertragbaren Erkrankungen. Wird das gewünscht, sollten zusätzlich Kondome verwendet werden.

    Frauenkondom schützt Frauen doppelt

    Das Frauenkondom ist ein etwa 18 cm langer Schlauch mit einer dünnen, reißfesten Hülle aus Latex oder Kunststoff, z.B. Polyurethan. Das hintere Ende ist geschlossen, vorne befindet sich ein offener Ring.

    Das Kondom wird bis zu 8 Stunden vor dem Geschlechtsverkehr mit dem geschlossenenen Ende nach hinten in die Scheide eingelegt, der offene Ring bleibt auf der Vulva. Es kann immer angewendet werden, auch während der Monatsblutung oder im Wochenbett. Nach dem Erguss muss das Frauenkondom vorsichtig aus der Scheide entfernt werden. Es ist wie das Kondom für Männer ein Einmalprodukt du darf nicht wiederholt zum Einsatz kommen.

    Der Pearl-Index beträgt bei perfekter Verwendung 5, bei typischer Anwendung 21. Mit einem Frauenkondom können Frauen sich selbst aber nicht nur vor einer Schwangerschaft, sondern auch vor sexuell übertragbaren Erkrankungen schützen. Ob diese Methode dabei genauso effektiv ist wie das Männerkondom, ist noch nicht ausreichend untersucht.

    Die Kupferspirale: sicher und langlebig

    Etwa 13% der Frauen in Deutschland verhüten mit Intrauterinpessaren. Dabei handelt es sich um kleine T-förmige Gebilde aus Kunststoff, die in die Gebärmutter eingebracht werden. Sie werden auch Spirale genannt. Es gibt zwei Arten von Intrauteinpessaren, die Hormonspirale und die hormonfreie Kupferspirale. Beide verhindern Schwangerschaften zuverlässig.

    Kupferspiralen sind mit einem Kupferdraht umwickelt und setzen Kupferionen frei (es gibt sie auch als Kupferkette oder Kupferball statt T-förmig). Das Kupfer verhindert Schwangerschaft auf drei Arten:

    • Es verändert den Schleim am Gebärmutterhals und hindert dadurch Spermien am Eindringen in die Gebärmutter.
    • Es schränkt die Spermien in ihrer Beweglichkeit ein.
    • Es wirkt so auf die Gebärmutterschleimhaut, dass sich eine (evtl. dennoch) befruchtete Eizelle nicht einnisten kann.

    Das Einsetzen von Intrauterinpessaren erfolgt durch Frauenärzt*innen, ebenso wie die regelmäßig erforderlichen Kontrollen. Die Verhütung mit einer Kupferspirale gilt mit einem Pearl-Index von 0,5-1 als sehr zuverlässig.

    Die Kupferspirale hat – wie alle Intrauterinpessare – auch Nachteile. Dysmenorrhö, also Schmerzen bei der Menstruation, werden häufig verstärkt. Außerdem ist das Risiko für aufsteigende Infektionen in den Geschlechtsorganen erhöht. Zudem kann es beim Einlegen sehr selten zu Komplikationen wie einer Perforation (Durchbohrung) der Gebärmutterwand kommen.

    Früher wurde sehr jungen Frauen und Frauen, die noch nicht geboren hatten, von der Spirale abgeraten. Ihr Risiko für Komplikationen wie Genitalinfektionen oder Perforationen sollte erhöht sein. Das ist heute nicht mehr haltbar. Auch junge Frauen und Kinderlose können nach Beratung und Untersuchung durch ihre Frauenärzt*in mit einer Spirale verhüten.

    Hinweis: Wer ein Intrauerinpessar trägt, sollte als Monatshygiene keine Menstruationstasse nutzen. Es gibt Hinweise darauf, dass durch Entfernung der Tassen die Spirale aus der Gebärmutter mit entfernt wird. Das könnte an dem Sog der Tasse liegen oder daran, dass der Faden der Spirale versehentlich mitgefasst wird.

    Die Sterilisation: eine (fast) endgültige Methode

    Die Sterilisation gehört sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen zu den sichersten Verhütungsmethoden. Der Pearl-Index beträgt bei der Frau 0,5, beim Mann 0,15. Eine Sterilisation wird nur empfohlen, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist. Refertilisationen (also Eingriffe zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit) sind zwar prinzipiell möglich, aber aufwändig, mit Risiken behaftet und nur mäßig erfolgreich.

    Die Sterilisation des Mannes erfolgt durch eine Vasektomie, meist ambulant und unter örtlicher Betäubung. Dabei wird der Samenleiter entweder chirurgisch durchtrennt oder langstreckig durch Hitze oder so Strom verödet, dass er nicht mehr durchgängig ist. Auf diese Weise können keine Spermien mehr aus dem Hoden in das Ejakulat gelangen. Direkt nach dem Eingriff besteht noch kein sicherer Empfängnisschutz. Der liegt erst vor, wenn sich im Ejakulat sicher keine Spermien mehr befinden. Das ist frühestens acht Wochen nach Vasektomie der Fall. Regelmäßige Ejakulationen können den Zeitraum bis zur Azoospermie verkürzen. Nach der Sterilisation des Mannes muss dieser nicht mit hormonellen Veränderungen rechnen. Ob sich das Risiko für ein Prostatakrebs geringfügig erhöht, ist noch nicht abschließend geklärt.

    Etwa 6% der Männer bereuen die Vasektomie. Prinzipiell ist bei Kinderwunsch eine operative Refertilisierung möglich. Wurde der Samenleiter durchtrennt, ist dies leichter, als wenn er verödet wurde. Eine andere Möglichkeit, nach Vasektomie Vater zu werden, ist die künstliche Befruchtung mit Entnahme von Spermien aus dem Hoden (TESE-ICSI-Methode).

    Die Sterilisation der Frau ist aufwändiger als die des Mannes. Sie wird meist in Vollnarkose im Rahmen einer Bauchspiegelung durchgeführt. Ziel ist, die Eileiter zu verschließen. Das erfolgt entweder mit Clips, durch Verödung oder mit Implantaten.

    Die Sterilisation der Frau ändert weder ihre Menstruationsblutung noch ihre natürliche Hormonsituation. Möchte eine Frau nach Sterilisation schwanger werden, ist grundsätzlich eine Refertilisierung möglich. Dabei versucht man, die Eileiter wieder durchgängig zu machen. Die berichteten Schwangerschaftsraten nach solchen Eingriffen unterscheiden sich sehr. Eine weitere Option für eine Schwangerschaft nach Sterilisation besteht in der In-vitro-Fertilisation. Dabei werden der Frau Eizellen aus dem Ovar entnommen, außerhalb des Körpers befruchtet und dann in die Gebärmutter eingesetzt.

    Hinweis: Vor einer Sterilisation sollte sich die Betroffene intensiv mit anderen Formen der Empfängnisverhütung auseinandergesetzt haben. Liegen dem Sterilisationswunsch traumatische Erlebnisse zugrunde, ist es hilfreich, zunächst professionelle psychologische Beratung zu suchen.

    Quellen: S2K-Leitlinie Nicht-hormonelle Empfängnisverhütung, AWMF Registernummer 015-095 vom Dezember 2023, www.profamilia.de


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Hühnerauge - Wenn der Schuh drückt

Hühnerauge - Wenn der Schuh drückt

Schmerzhafte Wucherung
Hühneraugen sind lästig und schmerzhaft – aber zum Glück meistens harmlos. Deshalb kann man sie in der Regel gut selbst behandeln. Wirksame Methoden reichen von neuen (passenden) Schuhen bis zu speziellen Pflastern und Tinkturen aus der Apotheke. Und damit es nicht zu neuen Verhornungen kommt, lässt sich gegen Hühneraugen auch vorbeugen.
  • Wo kommt das Hühnerauge her?

    Ein Hühnerauge ist eine punktuelle, verstärkte Verhornung der Haut (Hyperkeratose). Sie bildet sich kreis- oder linsenförmig aus. In der Mitte befindet sich eine kleine, oft glasige Kuppe, der sogenannte Hornkegel. Sein Inneres kann weit in die Tiefe reichen. Die Haut um den Kegel herum ist gelblich-beige. Insgesamt sieht das Ganze ein bisschen so aus wie ein rundes Hühnerauge – deshalb der volkstümliche Name. Medizinisch heißt das Hühnerauge Clavus, in der Mehrzahl Clavi.

    Hühneraugen entstehen durch dauerhaften oder immer wiederkehrenden Druck. Betroffen sind insbesondere solche Hautbereiche, die dicht über dem Knochen liegen – also Füße und Hände. Auf Druck und Reibung reagiert die Haut mit einer Verdickung. Das Wachstum der hornbildenden Zellen (Keratinozyten) in den unteren Schichten der Haut wird angeregt und es bilden sich immer mehr davon.

    Normalerweise wandern diese Hautzellen von unten nach oben, verhornen immer mehr und werden dann an der Hautoberfläche abgeschilfert. Durch den Druck und die verstärkte Verhornung gelingt das den verhornten Hautzellen nicht mehr. Sie bilden im Inneren des Hühnerauges eine harte Hornmasse. Je länger dieser Zustand anhält, desto tiefer wächst der Hornkegel nach innen. Dort kann er auf Nervenenden treffen und starke Schmerzen auslösen.

    Der schädliche Druck kann verschiedenen Ursachen haben. Neben Fußfehlstellungen zählt falsch sitzendes, drückendes Schuhwerk zu den Hauptauslösern von Hühneraugen. In diesen Fällen sind meist die Zehen betroffen. Dort sitzen sie gerne zwischen dem vierten und fünften Zeh oder an der Oberseite der zweiten Zehe.

    Auch ein Hallux valgus (Ballenzeh) ändert die Druckverhältnisse und begünstigt an der betroffenen Großzehe die Bildung eines Hühnerauges. Beim Spreizfuß wiederum sind Ballen und Sohle besonders belastet, worauf die Haut ebenfalls mit Hyperkeratosen und Hühneraugen antwortet. Gleiches passiert, wenn durch Fußfehlstellungen Zehen aneinander oder gegen den Schuh drücken. Gefördert wird die Bildung von Hühneraugen zudem durch trockene Haut.

    Manchmal entwickeln sich Hühneraugen sogar an den Händen. Auch dort ist dauerhafter Druck schuld, z.B. beim intensiven Hantieren mit Arbeits- oder Sportgeräten. Betroffen sind davon Tennisspieler*innen, Mechaniker*innen oder Musiker*innen.

    Hinweis: Menschen mit einer diabetischen Polyneuropathie oder einer anderen Nervenerkrankungen bemerken schädlichen Druck an den Füßen häufig nicht. Sie sind deshalb besonders gefährdet, Hühneraugen zu entwickeln.

    Hühnerauge ist nicht gleich Hühnerauge

    Hühneraugen können in verschiedenen Formen auftreten. Manche sind hart, andere weich, in einige Hühneraugen wachsen mit der Zeit kleine Blutgefäße ein, andere werden von Nerven durchzogen. Expert*innen unterscheiden deshalb acht Typen:

    • Der Clavus durus ist das bekannteste und klassische Hühnerauge. Er ist hart und befindet sich vor allem unter den Zehengrundgelenken, manchmal auch am Zehenrücken. Der Kegel reicht oft stark in die Tiefe, wodurch sich das Hühnerauge bei Druck von oben äußerst schmerzhaft bemerkbar machen kann.
    • Bei einem Clavus molle handelt es sich um ein weiches Hühnerauge. Es sitzt zwischen den Zehen und bleibt wegen dem dort feuchten Klima weich.
    • Ein Clavus vascularis ist hart und enthält kleinste Blutgefäße. Deshalb kann er leicht bluten. Diese Hühneraugen entstehen bei besonders starker Belastung der Haut.
    • Der Clavus neurovascularis ist nicht nur von Blutgefäßen, sondern auch von Nervenenden durchzogen. Diese Hühneraugen sitzen meist an den Zehenkuppen, bluten leicht und schmerzen oft besonders stark.
    • Der großflächige und harte Clavus neurofibrosus befindet sich an der Fußsohle.
    • Ein Clavus papillaris zeichnet sich durch einen weichen Kern aus.
    • Clavi miliares kommen in großen Ansammlungen vor und schmerzen nicht. Bei ihnen handelt es sich um eine stoffwechselbedingte Fehlverhornung.
    • Der Clavus subungualis sitzt unterhalb der Nagelplatte.

    Nicht alle diese Hühneraugen darf man selbst behandeln. Möglich ist die Therapie in Eigenregie bei den häufigsten Formen, dem Clavus durus und dem Clavus molle. Hühneraugen, die bluten, in großen Ansammlungen vorkommen oder unter dem Nagel sitzen, schauen sich besser die Hausärzt*in oder Dermatolog*in an und entscheiden, wie man sie am besten angeht.

    Hinweis: Hühneraugen und Warzen sehen auf den ersten Blick sehr ähnlich aus. Schaut man genauer hin, lassen sich Unterschiede erkennen: Bei Warzen fehlt der glasige Hornkern in der Mitte. Stattdessen findet sich unter einer oberflächlichen Verhornung warzenartiges Gewebe, das mit schwarzroten Pünktchen versetzt ist.

    Weg mit Druck und Verhornung!

    Um Hühneraugen zum Verschwinden zu bringen, muss der betroffene Bereich als erstes entlastet werden. Sind drückende Schuhe der Auslöser, sollten sie nicht mehr getragen werden. Stattdessen wählt man ausreichend weite und gut passende Schuhe. Schuhe kaufen sollte man übrigens am besten abends: Denn nach einem ganzen Tag auf den Beinen sind Füße oft angeschwollen und deshalb etwas größer als morgens.

    Bei Fehlstellungen kann die Orthopäd*in helfen. Sie begutachtet den Fuß und verordnet wenn nötig Einlagen. Damit lassen sich Fehlstellungen korrigieren, die zu dem Druck geführt haben. Manche Betroffenen profitieren auch von speziellen ringförmigen Polstern. Sie klebt man so auf die Haut, dass eventueller Druck davon ferngehalten wird.

    Allein die Entfernung des Drucks kann Hühneraugen zur Rückbildung bewegen. Das dauert allerdings eine Weile und funktioniert auch nicht immer zuverlässig. Besser ist es, gleichzeitig die Verhornung zu beseitigen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten.

    Zunächst nimmt man ein lauwarmes Fußbad, das die Haut aufweicht. Ein Teil der obersten Hautschicht löst sich dann und kann vorsichtig mit Bimsstein oder einem trockenen Frottee-Handtuch abgetragen werden. Fußhobel oder andere Werkzeuge sollten wegen der Verletzungsgefahr nicht dafür benutzt werden. Danach behandelt man das Hühnerauge mit Keratolytika (hornhautauflösenden Substanzen) wie Salicylsäure oder Milchsäure. Diese Wirkstoffe lockern die oberste Hautschicht. Dadurch weicht der Clavus weiter auf, sodass er beim nächsten Fußbad leichter entfernt werden kann. Die Wirkstoffe gibt es als Tinkturen und als Pflaster.

    • Tinkturen muss man mehrmals täglich auf das Hühnerauge auftragen. Die nicht verhornte Haut um den Clavus herum sollte vor dem Wirkstoff geschützt werden. Dafür cremt man sie vorsichtig mit Vaseline oder einer Fettsalbe ein. Die Salicyl- oder Milchsäure trocknet nach dem Auftragen und bildet einen Film auf dem Hühnerauge. Dieser Film muss vor dem nächsten Auftragen wieder entfernt werden. Wie häufig das Hühnerauge behandelt werden muss, richtet sich nach dem jeweiligen Produkt. Meist soll die Tinktur ein- bis zweimal täglich verwendet und nach drei bis vier Tagen die Hornhaut in einem Fußbad entfernt werden. Ganz wichtig: Nach dem Hantieren mit der Tinktur muss man sich die Hände waschen, damit die Säure nicht in die Augen oder auf andere empfindliche Hautstellen gerät. Die gesamte Prozedur ist recht aufwendig. Menschen, die nicht mehr gut sehen oder weniger beweglich sind, sollten sich dabei von Angehörigen helfen lassen oder eine Podolog*in aufsuchen.
    • Pflaster mit Salicylsäure oder Milchsäure sind etwas leichter zu handhaben. Sie werden so auf den Clavus geklebt, dass der wirkstoffhaltige Anteil genau auf dem Hornkegel zu liegen kommt. Zu beachten ist dabei, dass die Haut sauber und trocken ist. Manche Produkte haben zusätzlich zu ihrem Wirkstoffkern ein Druckschutzpolster, um beim Gehen die Schmerzen zu mindern. Je nach Produkt bleibt das wirkstoffhaltige Pflaster ein bis drei Tage kleben. Oft verschwindet das Hühnerauge dann schon beim Entfernen des Pflasters. Bei manchen Präparaten wird empfohlen, die aufgeweichte Haut nach einem Fußbad abzutragen, andere Pflaster sollen mehrmals ausgetauscht werden. Weil die Handhabung je nach Produkt stark variiert, ist es wichtig, vor Anwendung die Gebrauchsanweisung genau zu lesen.

    Ob Tinkturen oder Pflaster: Die über die Haut aufgenommene Salicylsäure kann in das Blut gelangen und auch im Körper wirken. Deshalb sollten Tagesdosen von 2,0 g für Erwachsene und 0,2 g für Kinder nicht überschritten werden. Bei Kleinkindern und Schwangeren darf man zudem maximal eine Fläche von 5 cm2 behandeln. Wer unsicher ist, lässt sich dazu am besten in der Apotheke beraten.

    Vorsicht geboten ist auch bei Patient*innen, die eine eingeschränkte Nierenfunktion haben. Bei ihnen können sich Wirkstoffe im Körper leicht anstauen. Sie sollten deshalb besser wirkstofffreie Hühneraugenpflaster verwenden. Diese bestehen aus einem Hydrokolloid und nehmen Flüssigkeit auf. Dadurch entsteht nicht nur ein schützendes Polster. Der Clavus wird aufgeweicht, sodass sich die verhornte Haut nach Abnahme des Pflasters meist gut abtragen lässt.

    Hinweis: Diabetiker*innen haben eine besonders empfindliche Haut, und kleine Verletzungen heilen bei ihnen schlechter. Für sie ist es ratsam, Hühneraugen nicht in Eigenregie zu entfernen, sondern vor einer Behandlung immer ärztlichen Rat einzuholen.

    So beugt man Hühneraugen vor

    Hühneraugen beugt man vor, indem man Druck vermeidet. Dazu dienen die gleichen Maßnahmen wie bei der Behandlung eines Clavus. Am wichtigsten ist es, gut passende, nicht zu enge Schuhe zu tragen. Mancmhal ist es allerdings nicht möglich, dauerhaft drückendes Schuhwerk zu vermeiden, etwa im Beruf. Dann sollte man die Schuhe in den Pausen ausziehen und auf dem Weg zur Arbeit bequeme Schuhe tragen. Von der Orthopäd*in verschriebene Einlagen oder spezielles Schuhwerk wirkt zudem nur vorbeugend, wenn es auch benutzt wird.

    Hühneraugen an den Händen lässt sich mit speziell gepolsterten Handschuhen oder Schaumstoffgriffen entgegenwirken. Treten sie bei der Arbeit auf, kann man den Arbeitgeber auf Schutzmaßnahmen ansprechen.

    Die zweite Säule zur Vermeidung von Hühneraugen ist eine gute Fußpflege:

    • Regelmäßige Fußbäder, um die Haut weich zu halten.
    • Raue und verdickte Stellen vorsichtig mit Bimsstein oder einem Frotteehandtuch abreiben.
    • Füße zweimal täglich mit einer speziellen Pflegecreme massieren, vor allem an den verdickten Bereichen. Günstig für trockene, verdickte und verhornte Hautbereiche sind Cremes mit Harnstoff sowie Frucht- und Glykolsäuren, angereichert mit pflegenden Panthenol oder Ölen.

    Manche Menschen sehen nicht gut oder haben Schwierigkeiten, ihre Füße zu erreichen. Dann ist für deren Pflege Hilfe nötig. Am besten ist es, dafür regelmäßig eine Fußpflege aufzusuchen. In manchen Fällen trägt die Gesetzliche Krankenkasse die Kosten für die Fußpflege. Dies ist z. B. bei krankhaften Veränderungen am Fuß der Fall, also bei einemr Diabetes oder eine Neuropathie.

    Quelle: DAZ 2021, Nr. 20, S. 42


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So kriegt das Blut sein Fett weg

So kriegt das Blut sein Fett weg

Cholesterin und Triglyceride zu hoch
Jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat zu hohe Cholesterinwerte oder ein Zuviel an Triglyceriden im Blut. Dadurch wird eine Arteriosklerose begünstigt und es drohen Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz. Die Mehrzahl der Betroffenen erhält keine Behandlung. Dabei könnten eine konsequente Lebensstiländerung und Medikamente die Blutfette ins Lot bringen und viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern.
  • Fette sind Fluch und Segen

    Ohne Fette (Lipide) geht nichts im Organismus: Cholesterin spielt z.B. eine Schlüsselrolle bei der Bildung von Zellmembranen, Hormonen, Gallensäuren und Vitamin D. Triglyceride dienen als Energielieferant und können als Energiereserve in Fettzellen gespeichert werden. Phospholipide wiederum tragen zur Funktion der Zellen bei.

    Aufnahme, Transport, Bereitstellung und Ausscheidung der Fette werden über den Fettstoffwechsel reguliert:

    • Cholesterin stammt aus zwei Quellen: Es wird sowohl aus der Nahrung aufgenommen als auch in der Leber gebildet. Für den Transport im Blut ist es in Eiweißhüllen verpackt (Lipoproteine). Als LDL-Cholesterin gelangt es zu den Körperzellen. Als HDLkommt es zurück zur Leber.
    • Triglyceride werden in der Leber, den Fettzellen und in der Darmschleimhaut aus Glycerin und Fettsäuren zusammengesetzt. Die Fettsäuren dafür kommen aus den Nahrungsfetten. Die Lipoproteine, die Triglyceride transportieren, heißen Chylomikronen.

    Wenn der Fettstoffwechsel gestört ist, kommt es zu einem Zuviel oder Zuwenig von Fetten im Blut. Die beiden wichtigsten Fettstoffwechselstörungen sind ein erhöhtes LDL-Cholesterin und erhöhte Triglyceride, beides kann auch zusammen auftreten. Als häufigste Ursachen dafür gelten eine falsche Ernährung und genetische Faktoren, also die Vererbung. Begünstigt werden hohe Blutfette zudem durch Rauchen und Bewegungsmangel. Triglyceride steigen außerdem bei hohem Alkoholkonsum an.

    Es gibt auch Erkrankungen, die die Blutfette beeinflussen und Fettstoffwechselstörungen auslösen können. Dazu gehören insbesondere der Diabetes mellitus, aber auch die Unterfunktion der Schilddrüse und verschiedene Nierenerkrankungen.

    Hinweis: Viele Medikamente beeinflussen die Blutfette ebenfalls. Gestagene und Androgene erhöhen z.B. das LDL-Cholesterin. Die Konzentration von Triglyceriden im Blut kann durch Kortison, die „Pille“, Betablocker und Entwässerungsmittel steigen.

    Gefäßverfettung mit gefährlichen Folgen

    Fettstoffwechselstörungen haben erhebliche Folgen für die Gesundheit: Befindet sich dauerhaft zuviel LDL-Cholesterin im Blut, lagert sich das Fett als Plaques in den Gefäßwänden der Arterien ab. Diese Plaques verengen die Gefäße oder verschließen sie sogar komplett - es kommt zur Arteriosklerose. Dadurch drohen nicht nur Herzinfarkt und Schlaganfall. Die verschlechterte Durchblutung der Organe begünstigt die Entwicklung vieler Erkrankungen, wie z. B. Demenz, Niereninsuffizienz, Herzschwäche und erektile Dysfunktion.

    Auch hohe Triglycerid-Werte tragen zur Verfettung der Gefäße bei und fördern damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders stark wirkt sich dies in Kombination mit hohem Cholesterin und anderen Risikofaktoren wie Rauchen und Bluthochdruck aus. Extrem hohe Triglycerid-Werte können zusätzlich die Bauchspeicheldrüse angreifen und die insulinbildenden Zellen zerstören, d.h. einen Diabetes auslösen.

    Hinweis: Trotz dieser gefährlichen Folgekrankheiten erhalten Menschen mit Fettstoffwechselstörungen viel zu selten eine wirkungsvolle Therapie. Nur etwa jede fünfte Hochrisikopatient*in erreicht in Deutschland die gewünschten Zielwerte bei den Blutfetten (siehe unten), in den europäischen Nachbarländern sieht das nicht viel anders aus.

    Zufallsbefund oder Herzinfarkt

    Fettstoffwechselstörungen verlaufen in den meisten Fällen jahrelang völlig unauffällig. Die Betroffenen wissen oft gar nichts von ihren erhöhten Blutwerten. Häufig werden sie erst diagnostiziert, wenn es zu Komplikationen wie z.B. einem Herzinfarkt oder einer Bauchspeicheldrüsenentzündung gekommen ist. Bei vielen Menschen werden erhöhte Blutfette auch zufällig in Kontrolluntersuchungen entdeckt, z.B. bei Einstellungsuntersuchungen oder beim Gesundheits-Checkup.

    Die wichtigste Säule der Diagnostik ist die Blutuntersuchung. Bei Gesunden bestimmt die Ärzt*in oft nur das Gesamtcholesterin. Bei erhöhtn Werten ist eine erweiterte Lipiddiagnostik (Lipidstatus) nötig. Leidet die Patient*in bereits an Arteriosklerose oder sie einer Risikogruppe an, wird meist ein kompletter Lipidstatus veranlasst. Ermittelt werden dabei Gesamtcholesterin, Triglyceride, LDL-Cholesterin und je nach Bedarf weitere Parameter wie HDL-Cholesterin, Lipoprotein A und Apolipoprotein B.

    Die gemessenen Blutfette sollten in ihrem jeweiligen Normbereich liegen. Bei den Triglyceriden ist das relativ einfach, hier gilt 150 mg/dl (1,7 5 mmol/L) als Grenzwert (nüchtern gemessen). Komplizierter wird es beim LDL-Cholesterin. Dessen Zielwerte hängen stark vom individuellen Risikoprofil der Patient*in ab und werden außerdem noch kontrovers diskutiert. Meist geht man von diesen Zielwerten aus:

    • Liegen keine Risikofaktoren wie z.B. eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder ein Diabetes vor, ist das Risiko gering. In diesen Fällen soll das LDL-Cholesterin unter 116 mg/dl (3,0 mmol/L) sein.
    • Bei moderatem Risiko gelten LDL-Cholesterin-Werte unter 100 mg/dl (2,6 mmol/L) als Ziel. Ein moderates Risiko haben z.B. Typ-2-Diabetiker*innen unter 50 Jahren und Menschen mit Typ-1-Diabetes unter 35 Jahren, die erst kürzer als zehn Jahre an einem Diabetes leiden.
    • Bei hohem Risiko werden LDL-Cholesterinwerte unter 70 mg/dl (1,8 mmol/L) gefordert. Ein hohes Risiko liegt vor, wenn ein Typ-2-Diabetes schon länger als zehn Jahre besteht, der Blutdruck über 180/110 mmHg liegt oder das Gesamt-Cholesterin über 310 mg/dl (8 mmol/L) und LDL-Cholesterin über 190 mg/dl (4,9 mmol/L).
    • Bei sehr hohem Risiko soll das LDL-Cholesterin unter 55 mg/dl (1,4 mmol/L) liegen. Zu dieser Gruppe gehören z.B. Patient*innen mit einer bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankung (Koronare Herzkrankheit, pAVK), einem Typ-2-Diabetes mit Organschäden oder einer schweren chronischen Nierenerkrankung.

    Werden erhöhte Blutfette erstmals festgestellt muss immer abgeklärt werden, ob eine Erkrankung wie z.B. eine Schilddrüsenunterfunktion dahintersteckt. Oft ergibt die genaue Erhebung der Krankengeschichte einen Hinweis darauf. Mit Labor (z.B. Blutzucker, Nierenwerte), Bildgebung und gründlicher körperlicher Untersuchung lässt sich eine mögliche Erkrankung weiter einkreisen.

    Bei Verdacht auf eine genetisch bedingte Fettstoffwechselstörung kann die Ärzt*in eine molekulargenetische Diagnostik veranlassen. Dadurch lassen sich bestimmte Genmutationen feststellen, die z.B. den LDL-Rezeptor betreffen. An der Behandlung ändern die Ergebnisse nichts – die Blutfette müssen genauso gesenkt werden wie bei Patient*innen ohne genetische Störung. Diese Untersuchung ist jedoch wichtig, um ebenfalls betroffene, aber noch nicht entdeckte Verwandte zu finden. Denn je früher eine angeborene Fettstoffwechselstörung erkannt und behandelt wird, desto besser kann man das Herz-Kreislauf-Risiko reduzieren.

    Hinweis: Für die Bestimmung der Triglyceride muss die Patient*in nüchtern sein, es darf also 12 Stunden vor Blutabnahme nichts gegessen werden. Außerdem sollte man am Abend davor keinen Alkohol trinken, da dies die Triglyceridwerte im Blut verfälscht.

    Wie gut helfen Lebensstiländerungen?

    Bei erhöhten Blutfetten kann die Betroffene selbst einiges zur Besserung der Triglycerid- und Cholesterinwerte beitragen. Grundvoraussetzung ist ein gesunder Lebensstil. Das bedeutet:

    • Sich regelmäßig bewegen. Körperliche Aktivität wirkt sich sehr positiv auf den Stoffwechsel aus. Sie senkt u.a. Triglyceride und LDL-Cholesterin im Blut. Empfohlen werden Ausdauer- und Muskeltraining. Insgesamt sollte man drei bis fünf Mal pro Woche für mindestens 30 Minuten zumindest moderat Sport treiben.
    • Rauchen beenden. Rauchen erhöht nicht nur die Triglyceride, es begünstigt auch eigenständig die Arteriosklerose. Bei hohen Blutfetten sollte deshalb komplett auf Nikotin und Nikotinprodukte verzichtet werden.
    • Gewicht halten bzw. Übergewicht reduzieren. Übergewicht hat über viele Mechanismen einen erheblichen Einfluss auf die Blutfette. So erhöht es z.B. sowohl die Triglyceride als auch das LDL-Cholesterin im Blut. Abnehmen kann deshalb das Lipidprofil verbessern.
    • Sich gesund ernähren. Eine ballaststoffreiche und fettmodifizierte Kost trägt zur Besserung der Blutfette bei. Empfohlen werden viel Gemüse, Rohkost, Vollkornprodukte. Zwei Mal pro Woche sollte Fisch verzehrt werden, der reich an gesunden Omega-3-Fettsäuren ist (Makrele, Hering, Lachs und Thunfisch). Nur 30% der Kalorienzufuhr sollte aus Fett stammen, insgesamt reichen etwa 60 bis 80 g Fett pro Tag aus. Zu vermeiden sind gesättigte Fettsäuren (Fleisch, Wurst, Käse), und Trans-Fettsäuren (Frittiertes, Blätterteig). Als günstig gelten dagegen Öle, vor allem Sonnenblumen-, Lein- und Walnussöl.

    Hinweis: Wer zu hohe Triglyceride aufweist, sollte völlig auf Alkohol verzichten. Auch schnell abbaubare Kohlenhydrate wie Fruchtzucker und Haushaltszucker sind schädlich, weil sie den Insulinspiegel und damit die Freisetzung von Fettsäuren erhöhen.

    Wie Medikamente die Blutfette bezwingen

    Oft reicht ein gesunder Lebensstil nicht aus, um erhöhte Blutfette zu senken. Dann kommen Medikamente ins Spiel. Um LDL-Cholesterin und/oder Triglyceride in den gewünschten Zielbereich zu bringen, müssen die Wirkstoffe regelmäßig und meist lebenslang eingenommen werden. Zur Senkung von LDL-Cholesterin stehen folgende Medikamente zur Verfügung:

    • Statine sind die wichtigsten und bisher am besten untersuchten Medikamente zum Senken der Blutfette. Über eine Hemmung des Enzyms HMG-CoA-Reduktase erniedrigen sie das LDL-Cholesterin, und zwar je nach Präparat und Dosierung um 30 % bis 50%. Weil die Cholesterinproduktion in der Leber nachts besonders hoch ist, wird häufig die abendliche Einnahme der Wirkstoffe empfohlen. Eine häufig diskutierte Nebenwirkung ist die Statin-Myopathie mit Muskelschäden und Muskelschmerzen. Sie beruht in den meisten Fällen auf einem Nocebo-Effekt (d.h. der Patient verspürt Muskelschmerzen, weil er damit rechnet). Echte Muskelschäden mit einer Erhöhung der Muskelenzyme sind mit einer Häufigkeit von 1:1000 bis 1:10000 sehr selten. In diesen Fällen verordnet die Ärzt*in meist entweder ein anderes Statin oder einen anderen Lipidsenker.
    • Bempedoinsäure hemmt die Cholesterinbildung bereits in einer früheren Stelle im Stoffwechselt als Statine. Bei 180 mg/Tag wird das LDL-Cholesterin um etwa 23% reduziert, in Kombination mit einem Statin ist der Effekt etwas stärker. Myopathien löst Bempedoinsäure selten aus.
    • Ezetimib hemmt die Cholesterinaufnahme im Darm. Als alleinige Therapie ist der klinische Effekt vermutlich gering, weshalb es vor allem in Kombination mit einem Statin oder Bempedoinsäure verordnet wird. Zusammen mit einem Statin schafft es eine LDL-Senkung von circa 25%. 
    • PCSK9-Inhibitoren binden an LDL-Rezeptoren der Leber und senken auf diese Weise das LDL-Cholesterin im Blut. Diese relativ neuen Wirkstoffe sind hocheffektiv und reduzieren die Konzentration von LDL-Cholesterin um über 50%. Verordnet werden sie, wenn eine intensive Statintherapie nicht möglich ist oder nicht ausreichend wirkt. PCSK9-Hemmer gelten bisher als gut verträglich, Myopathien kommen kaum vor.

    Erhöhte Triglyceride bekämpft man medikamentös meist mit Fibraten. Sie unterstützen den Abbau der Triglyceride und senken so die Werte im Blut. Fibrate können Muskelschmerzen und Myopathien auslösen. Zusätzlich empfehlen Ärzt*innen oft die Einnahme der verschreibungspflichtigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Die Maximaldosis liegt bei 4 g/Tag, da es unter höherer Dosierung zu Vorhofflimmern gekommen ist.

    Hinweis: Medikamente können erhöhte Blutfette recht zuverlässig senken. Als alleinige Therapie reichen sie jedoch nicht aus: Der gesunde Lebensstil bleibt ein wesentlicher Teil der Behandlung.

    Quellen Rose O, DAZ 2023:35, S. 38, Lipid-Liga


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Was tun bei Übergewicht im Kindesalter?

Was tun bei Übergewicht im Kindesalter?

Zu viele Pfunde auf der Waage
Immer mehr Kinder leiden unter Übergewicht. Das hat nicht nur gesundheitliche Folgen. Spott und Hänseleien machen ihnen das Leben manchmal so schwer, dass sie soziale Kontakte meiden und psychische Störungen entwickeln. Eine simple Diät ist bei übergewichtigen Kindern nicht zielführend. Die Gewichtsreduktion funktioniert nur in einem Gesamtkonzept, bei dem Eltern und Familie integriert sind.
  • Was heißt zu dick bei Kindern?

    Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland sind zu dick: Schon vor Corona waren laut einer Studie des Robert Koch-Instituts gut 15% von ihnen übergewichtig, knapp 6% sogar fettleibig (adipös). Kinderärzt*innen berichten, dass dieser Anteil im Laufe der Pandemie durch Schulschließungen, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten in der Freizeit und die vermehrte Nutzung von digitalen Medien noch angestiegen ist. Jungen und Mädchen unterscheiden sich in puncto überflüssiger Pfunde kaum voneinander. Allerdings sind Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status öfter von Übergewicht und Adipositas betroffen.

    Bei Erwachsenen sind Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit oder Fettsucht) durch das Überschreiten bestimmter Grenzwerte des Body-Mass-Index (BMI) definiert. Ein BMI zwischen 25 und 30 kg/m2 bedeutet, dass die Person übergewichtig ist, bei einem BMI über 30 liegt eine Adipositas vor.

    Auch bei Kindern wird zur Beurteilung von Übergewicht der BMI herangezogen. Berücksichtigt werden dabei geschlechtsspezifische, nach Alter sortierte Wachstumskurven (sog. BMI-Alterperzentilen). Liegt ein Kind mit seinem BMI über der 90-Perzentile in der Wachstumskurve, hat es Übergewicht. 90-Perzentile bedeutet, dass 90 Prozent der gleichgeschlechtlichen und gleichaltrigen Kinder weniger wiegen). Für eine Adipositas muss der BMI zwischen der 97er- und der 99,5er Perzentilen liegen, für eine extreme Adipositas über 99,5.

    Beim Verdacht auf Übergewicht ist die Kinderärzt*in die erste Anlaufstelle, um den Ernährungs- und Gesundheitszustand des Kindes objektiv zu beurteilen. In der Arztpraxis wird dazu neben der Berechnung des BMI häufig auch die Hautfaltendicke herangezogen. Manchmal kommt auch die Bioimpedanzanalyse zum Einsatz. Mit dieser Methode kann man die Körperzusammensetzung messen, d.h. den Fett-, Muskel- und Wasseranteil. Der Besuch bei der Kinder- und Jugendärzt*in ist aber nicht nur für eine objektive Beurteilung wichtig. Er dient auch dazu, den sehr seltenen Fall einer körperlichen Erkrankung als Ursache auszuschließen.

    Tipp: Die Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hilft bei der ersten Einschätzung, ob das eigene Kind vielleicht zu dick ist. Dort findet man nicht nur einen alters- und geschlechtsspezifischen BMI-Rechner, sondern auch die entsprechenden BMI-Wachstumskurven.

    Gesundheitsrisiko Speck

    Übergewicht und Adipositas begünstigen im Erwachsenenalter viele Erkrankungen. Dazu gehören u.a. Darmkrebs, Diabetes, Herzinfarkt und Arthrose. Für Heranwachsende wiegen die überflüssigen Pfunde mindestens ebenso schwer. Sie haben im Vergleich zu normalgewichtigen Altersgenoss*innen ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Atemwegserkrankungen sowie vermehrt orthopädische Probleme.

    Doch nicht nur gesundheitliche Folgen sind mit dem Übergewicht verbunden. Zu dicke Kinder sind häufig Hänseleien und Spott ausgesetzt und werden gemobbt. Das schränkt ihre Lebensqualität gewaltig ein. Manche ziehen sich deshalb aus dem sozialen Leben zurück, werden depressiv und ängstlich.

    Hinweis: Übergewicht in der Kindheit wird in sehr vielen Fällen in die nächsten Lebensdekaden mitgeschleppt. 55% der Kinder, die zu dick sind, haben auch als Jugendliche Übergewicht. Und vier von fünf übergewichtigen Jugendlichen sind auch als Erwachsene zu dick.

    Was macht Kinder dick?

    Übergewicht und Adipositas entstehen, wenn dem Körper mehr Energie zugeführt wird als er für seine Grundfunktionen und Aktivität benötigt. Die überschüssige Energie legt der Körper in Fettdepots an.

    In den allermeisten Fällen sind Kinder zu dick, weil sie zu viel essen. Das klingt zunächst einfach. Doch wie es dazu kommt, ist äußerst komplex und wird durch viele Faktoren beeinflusst.

    • Erlernte Fehlernährung. Eltern geben ihre Ernährungsgewohnheiten an ihre Kinder weiter. Belohnungsrituale mit Süßigkeiten und häufige Zwischenmahlzeiten führen ebenso zu einer vermehrten Kalorienaufnahme wie generell ungesunde Kost mit viel Fett, Fleisch und Kohlenhydraten. Auch das Essverhalten wird erlernt: Dazu gehört z.B., im Stehen oder vor dem Fernseher zu essen.
    • Ungünstiger Lebensstil. Neben dem Zuviel an zugeführten Kalorien wirkt sich das Zuwenig an Energieverbrauch auf das Körpergewicht aus. Kinder bewegen sich im digitalen Zeitalter deutlich weniger als früher. Nur 49% der Jungen und 43% der Mädchen erreichen die von der WHO empfohlenen Bewegungsziele – und das sind sogar nur 60 Minuten/Tag mäßig bis anstrengende körperliche Aktivität.
    • Psychische Faktoren. Oft fangen Kinder bei psychischen Problemen an, mehr zu essen. Auslöser können z.B. Verlusterlebnisse wie die Scheidung der Eltern sein. Aber auch Einsamkeit, andauernde Belastungssituationen oder Mobbing in der Schule können zu übermäßigem Essen führen. Essen dient dann dem Frustabbau oder dazu, sich etwas Gutes zu tun. Manchmal hilft es den Betroffenen auch, Ängste oder depressive Gedanken zu verdrängen.
    • Gene. Die Zwillingsforschung hat ergeben, dass das kindliche Gewicht von den geerbten Genen beeinflusst wird. Bei etwa 80% der zu dicken Kinder ist ein Elternteil übergewichtig, bei 30% sind es Vater und Mutter. Im Fall der Adipositas ist es noch eindeutiger, dass sie eine familiäre Erkrankung ist: Sind beide Eltern adipös, verfünffacht sich das Risiko, dass auch das Kind darunter leiden wird. Vererbt wird dabei aber nicht die Krankheit, sondern die Veranlagung dazu, also der „Nährboden“.

    Hinter Übergewicht und Adipositas kann auch eine körperliche Erkrankung stecken. Das ist allerdings nur bei weniger als einem von 100 Kindern der Fall. Starke Gewichtszunahme findet sich – neben jeweils anderen Symptomen – z.B. bei Schilddrüsenunterfunktion oder anderen hormonellen Störungen.

    Hinweis: Auch bei Kindern kann es durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten zu einer unerwünschten Gewichtszunahme kommen. Hier ist vor allem Kortison zu nennen, aber auch Insulin oder Neuroleptika führen dazu. In der Regel bespricht die Kinderärzt*in diese Nebenwirkung bei der Verordnung des jeweiligen Medikaments.

    Was hilft gegen das Übergewicht?

    Prinzipiell reicht es bei übergewichtigen Kindern nicht aus, sie „auf Diät zu setzen“ oder bestimmte Lebensmittel wie etwa zuckerhaltige Limonade oder Süßigkeiten vom Speiseplan zu streichen. Für eine dauerhafte Gewichtsabnahme ist ein umfassendes Gesamtkonzept erforderlich, in das die ganze Familie integriert wird. Es beruht auf drei Grundpfeilern:

    • Ernährungsumstellung auf eine optimierte Mischkost
    • Bewegung in Form von Sport und aktivem Lebensstil
    • Verhaltenstherapie zur Veränderung des Essverhaltens

    Die Kinder- und Jugendärzt*in beurteilt deshalb nicht nur den Ernährungs- und Gesundheitszustand des Kindes. Um Eltern und Betroffene fundiert zu beraten, fragt sie auch intensiv nach den Lebensumständen, den körperlichen Aktivitäten und den Ernährungsgewohnheiten des Kindes. Neben dem Erarbeiten einer Therapiestrategie kann die Ärzt*in meist auch Anlaufstellen für eine Ernährungsberatung und Verhaltenstherapie nennen.

    Ernährungsumstellung. Für eine Gewichtsabnahme müssen Kalorienzufuhr (also die Nahrungsmenge) und die Nahrungszusammensetzung kontrolliert werden. Übergewichtige Kinder und Erwachsene verzehren meist zuviel Fett, sowohl offen als Sahnehäubchen als auch versteckt in Soßen, Wurst oder Chips. Stattdessen sollten mehr gesunde Lebensmittel wie Gemüse, Vollkornprodukte, Fisch und Milchprodukte konsumiert werden. Wie eine gesunde Ernährung aussieht und wie man sie in den Alltag integriert, lernt man in speziellen Kochkursen oder bei der Ernährungsberatung. Entsprechende Kontakte vermitteln die Krankenkassen oder die Kinderärzt*in.

    Regelmäßige Bewegung. A und O beim Abnehmen ist körperliche Bewegung. Am besten geeignet sind ausdauerfördernde und gelenkschonende Sportarten wie Radfahren oder Schwimmen. Empfohlen werden etwa 90 Minuten moderate Bewegung am Tag. Sportungewohnte Kinder müssen an dieses Pensum schrittweise herangeführt werden. Kinderärzt*innen geben dazu folgende Ratschläge:

    • Um die Motivation zu stärken, bieten sich Gruppenveranstaltungen an. Am besten sind spezielle Sportgruppen, wobei Leistungsdruck möglichst vermieden werden sollte.
    • Vor allem jüngere Kinder profitieren davon, körperliche Aktivitäten zusammen mit ihren Eltern oder Geschwistern zu unternehmen. Regelmäßige Schwimmbadbesuche, Radausflüge oder gemeinsames Fußballspielen bietet sich für Familien an. Auch hier soll für alle der Spaß im Vordergrund stehen.
    • Für stark übergewichtige Kinder stehen in vielen Regionen entsprechende Betreuungsprogramme zur Verfügung. Adressen gibt es bei der Krankenkasse oder bei der Kinderärzt*in. Sind die Angebote kostenpflichtig, übernimmt die Krankenkasse häufig zumindest einen Teil der Gebühren.
    • Neben dem Sport ist es unabdingbar, die Alltagsaktivität zu steigern. Dazu gehört z.B., die Treppe statt den Aufzug zu benutzen und zur Schule zu gehen statt gefahren zu werden. Kinder sollten mindestens 12 000 Schritte am Tag erreichen.

    Verhaltenstherapie. In den meisten Fällen ist es erforderlich, das Essverhalten zu ändern – und zwar von der gesamten Familie. Je nach Lage können Einzel-, Gruppen oder auch eine Familientherapie hilfreich sein. Am besten bewährt hat sich die Verhaltenstherapie. Manchmal sind auch tiefenpsychologische Therapien erforderlich, um Ängste und Depressionen zu bewältigen.

    Da sich Kinder und Jugendliche noch im Wachstum befinden, gilt die Stabilisierung des Gewichts als erstes Therapieziel. Im weiteren Verlauf ist – je nach Alter –meist eine Gewichtsreduktion von 0,5 bis 1 kg/Woche Anschluss wünschenswert. Bereits eine geringe Änderung des BMI bessert Zucker- und Fettstoffwechsel. Weitere wichtige Therapieziele sind die Besserung der Lebensqualität des Kindes und die langfristige Förderung eines gesunden Lebensstils.

    Tipp: Für adipöse Kinder und Jugendliche gibt es inzwischen spezielle Trainer, Kurse und Einrichtungen. Sie sind zu finden auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft für Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA).

    Medikamente und Magenoperation

    Bei Erwachsenen mit therapieresistenter Adipositas kommen inzwischen immer häufiger GLP1-Agonisten wie Semaglutid oder Liraglutid zum Einsatz. Sie werden unter die Haut gespritzt und imitieren die Wirkung eines Hormons, das Sättigung signalisiert. Auf diese Weise nimmt der Betroffene weniger Kalorien zu sich. Mithilfe dieser sogenannten Abspeckspritzen lässt sich auch das Gewicht bei stark übergewichtigen Jugendlichen senken.

    Liraglutid ist seit 2015 zur Behandlung übergewichtiger Jugendlicher ab zwölf Jahren zugelassen, und zwar als Ergänzung zu einer gesunden Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität. Es muss täglich injiziert werden. Das wöchentlich zu spritzende Semaglutid wurde vor Kurzem ebenfalls für Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. In Verbindung mit Lebensstiländerungen (mehr Bewegung, gesündere Ernährung) konnte es in einer Studie nach 68 Wochen bei 76% der adipösen Teenager das Gewicht um mindestens 5% senken, bei 37% sogar um mindestens 20%. Unter Placebo war dies nur bei 23% bzw. 3% der Fall.

    Die Gewichtsabnahme wurde allerdings mit vermehrten Nebenwirkungen bezahlt. Übelkeit, Erbrechen und Durchfall traten unter Semaglutid bei 62% auf, unter Placebo bei 42%. Fünf Jugendliche aus der Semaglutidgruppe entwickelten zudem Gallensteine. Eine weitere unerwünschte Wirkung trifft für alle Personen zu, die mit GLP1-Agonisten abnehmen möchten. Sobald der Wirkstoff abgesetzt wird, steigt das Hungergefühl wieder. Man isst wieder mehr und nimmt zu. Das Medikament muss also auf Lebenszeit angewendet werden – es sei denn, man ändert seinen Lebenstil – was jedoch den wenigsten gelingt.

    Eine weitere Option für schwere Fälle ist die Magenoperation. Sie kommt laut Leitlinien bei Kindern und Jugendlichen mit einem BMI über 50 kg/m2 in Betracht. Für Kinder mit einem BMI zwischen 35 und 49 ist sie zu erwägen, wenn

    • eine ernste Begleiterkrankung vorliegt (Schlaf-Apnoe-Syndrom oder Diabetes Typ 2) oder
    • der Ausschluss von der Ausbildung oder Arbeit droht.

    Als chirurgisches Verfahren wird bei Jugendlichen vor allem die Magenbypass-Operation empfohlen. Eingebettet in ein Gesamtkonzept hilft der Magenbypass dabei, das Gewicht zu reduzieren und Blutzucker und Blutfette zu verbessern. Das geschieht über zwei Mechanismen: Es wird insgesamt weniger Nahrung zugeführt. Außerdem werden die Nahrungsbestandteile schlechter vom Darm aufgenommen, d.h. vermehrt wieder ausgeschieden. Als unerwünschte Wirkungen drohen durch die Magenverkleinerung Durchfall, Blähungen und ein erhöhtes Risiko für Nierensteine.

    Hinweis: Nach einer Magenverkleinerung werden nicht nur weniger Kalorien und Fett aufgenommen, sondern auch weniger Vitamine und Mineralstoffe. Diese Stoffe müssen deshalb in Form von Nahrungsergänzungsmitteln lebenslang zugeführt werden.

    Prävention ist alles

    Eltern können eine Menge tun, damit ihre Kinder nicht übergewichtig werden. Das fängt schon in der Schwangerschaft an. Sowohl Qualität und Menge der Nahrungsmittel haben einen Einfluss auf die Stoffwechsel-Programmierung ihres Ungeborenen. Trotz intensiver Forschung auf diesem Gebiet können allerdings bisher noch keine konkreten Empfehlungen zu bestimmten Nahrungsmitteln abgeleitet werden.

    Eine Empfehlung spricht die Leitlinie zur Adipositas im Kindesalter aber ganz klar aus: Werdende Mütter sollten versuchen, in der Schwangerschaft eine übermäßige Gewichtszunahme zu vermeiden. Denn inzwischen weiß man, dass Kinder mit einem hohen Geburtsgewicht (über 4 500 g) später häufiger adipös werden als normalgewichtige Neugeborene.

    Ein weiterer wichtiger Faktor für eine gesunde Entwicklung des Säuglings ist das Stillen. Stillen fördert nicht nur die Bindung zwischen Mutter und Kind und schützt das Baby vor Infektionskrankheiten. Langfristig haben gestillte Kinder auch ein geringeres Risiko für Übergewicht und Adipositas. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt deshalb, Kinder – wenn möglich – die ersten sechs Lebensmonate ausschließlich mit Muttermilch zu ernähren.

    Die Ernährung im Kleinkind- und Kindesalter ist ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt, einer Fettleibigkeit vorzubeugen. Neben einer gesunden Kost ist auf folgende Faktoren zu achten:

    • Geplant werden sollten drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. In den essenfreien Zeiten sollten keine zuckerhaltigen Getränke, Milch oder Snacks angeboten werden. Ungesüßter Tee und Wasser sind immer erlaubt.
    • Mindestens eine Mahlzeit sollte eine Familienmahlzeit sein. Fernsehen und Smartphone sind beim Essen verboten.
    • Hunger- und Sättigungssignale des Kindes sollten respektiert werden.
    • Essen darf nicht als Belohnung oder Bestrafung eingesetzt werden.

    Insgesamt darf nicht vergessen werden, dass Eltern eine wichtige Vorbildfunktion haben. Sind sie selbst adipös, sind es häufig auch die Nachkommen. Wer sich selbst mit Pommes und Pizza ernährt, wird Probleme haben, seine Kinder von einer gesunden Mittelmeerkost zu überzeugen. Das Gleiche gilt für Medienkonsum und Bewegung. Die beste Vorbeugung gegen kindliches Übergewicht sind Eltern, die ihr Leben nicht vor dem Fernseher verbringen, sondern regelmäßig und häufig gemeinsam mit ihren Kindern draußen aktiv sind.

    Quellen: S3-Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Warschburger P, Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes-und Jugendalters, 2020: 1-10.


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Heilpflanzen

Eine Heilpflanze (auch Drogenpflanze oder Arzneipflanze genannt) ist eine Pflanze, die in der Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) wegen ihres Gehalts an Wirkstoffen zu Heilzwecken oder zur Linderung von Krankheiten verwendet werden kann. Sie kann als Rohstoff für Phytopharmaka in unterschiedlichen Formen, aber auch für Teezubereitungen, Badezusätze und Kosmetika verwendet werden.

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